Kinovorhang cferda 01

Das schönste Mädchen der Welt - der moderne Bergerac

Deutschland 2018, ab 12 Jahren

am 20.02.2019 von Alexander L. (15) aus Bochum, Schulkinowoche 2019 NRW (Gastkritik), Film

Dein Gesamturteil: 9 von 10 Punkte

Moderner Klassiker mit viel Musik, tollen Locations und coolen Typen gefällig?

„Das schönste Mädchen der Welt“ des Regisseurs Aaron Lehmann ist eine sehr gut gelungene Adaption des aus Frankreich kommenden weltbekannten Dramas „Cyrano de Bergerac“ von Edmond Rostand.

Doch anders als bei vielen Adaptionen von anderen Klassikern ist der grobe Handlungsverlauf unverändert, wodurch die Gesamthandlung immer noch die gleiche Botschaft wie im bewegenden Original überbringt. So werden Cyranos Dichterkünste zu Cyrils Rap- und Poetry-Slam-Kompetenzen, die Smartphone-Affinität der heutigen Jugend ist für den Verlauf der Handlung maßgeblich, aber auch Gegenstand ironischer Selbstreflexion.

Cyril, ein belesener Jugendlicher, wird auf Grund seiner zu großen Nase gemobbt. Doch als dann die neue Mitschülerin Roxane, genannt Roxy, in die Klasse kommt, wird alles anders. Die beiden verstehen sich auf Anhieb super gut. Roxy, die ein offensichtliches Faible für Außenseiter hat, sieht im Zimmer von Cyril eine Maske in den Händen von Rick, einem sehr dumm wirkendenMusiker, der ebenfalls in der Klasse von Cyril ein Außenseiter ist. Dadurch wird Rick in den Augen von Roxy direkt noch interessanter. Als dann diese Maske, diesmal von ihrem richtigen Besitzer Cyril, in einem Rap-Battle getragen wird, welches Cyril auch noch gewinnt, verliebt sich Roxy in den Rapper auf der Bühne. Problem ist nur, dass Rick gar nicht der wahre Rapper ist. Zu allem Überfluss verliebt sich auch noch Cyril in Roxy.

Doch nicht nur Rick und Cyril stehen auf Roxy; auch Ben, der Beliebte in der Klasse, möchte etwas von Roxy - er hat gewettet, dass er mit Roxy auf der Klassenfahrt, auf der alles passiert, schläft. Eine komplizierte Situation.

Diese Charaktere und Beziehungen werden von den Protagonisten überzeugend vermittelt: Aaron Hilmer bringt die Zerrissenheit des sprach- und musikbegabten Cyrils mit optischer Auffälligkeit zwischen anonymen, gefeierten Rapper mit Goldmaske und Mobbingopfer Nr. 1 in seiner Klasse einfühlsam herüber. Luna Wedler mit langer, blonder Engelsmähne, süßem Gesicht, großer Schlagfertigkeit und einer mythenumwobenen Vergangenheit nimmt man die Rolle des schönsten Mädchens der Welt während des kompletten Films ab. Und auch die restliche Besetzung der Klasse und der Lehrer, die teilweise aus der „Who´s Who“-Liste der deutschen YouTuber gecastet wurde, spielt die jeweilige Rolle natürlich und glaubhaft.

Die gesamte Stimmung des Liebesfilms wird durch die sehr gelungene Kameraführung betont. So wird zum Beispiel das Schreiben von Nachrichten zwischen Cyril und Roxy sehr geschickt dargestellt; die Nachrichten erscheinen neben der schreibenden Person, wodurch Mimik und Emotionen sehr gut deutlich werden. Außerdem ist bei vielen Szenen (meistens bei Liebesliedern) die Kameraführung ideal gelöst - hierbei wird zwischen Rick (bzw. Cyril) und Roxy gewechselt und dadurch eine romantische Stimmung erzeugt.

Der Film wirkt an manchen Stellen schon fast wie ein modernes Musical. Die meiste Zeit wird Musik verwendet, um Stellen zu betonen. Doch die Musik spielt nicht nur eine Nebenrolle – durch die selbst geschriebenen Liebes-Raps von Cyril wird ein zentrales Element des Films durch Musik betont.

Doch trotz des ganzen Lobs gibt es auch Szenen, die unangemessen sind und nicht in die Stimmung des Films passen. So wird die aufkommende Liebe von Cyril nach einem Rap-Battle überzogen und zu kitschig dargestellt, wodurch die coole Stimmung nach eben diesem Rap-Battle zerstört wird. Eine ähnliche Szene gibt es auch bei dem Besuch der Alten Nationalgalerie – auch hier wird die Liebe überzogen beschrieben.

Fazit

Trotzdem ist der Film insgesamt sehr gelungen. Die Handlung des Klassikers wurde sehr gut auf die Gegenwart übertragen. Durch die vielen modernen Musikbeiträge wird der Film nur noch interessanter für Jugendliche. Doch nicht nur Jugendliche sollten „Das schönste Mädchen der Welt“ sehen; der Film ist für Interessierte jeden Alters geeignet, die offen für neue Adaptionen von Klassikern sind. So können Angehörige älterer Generationen sich an den eingestreuten bildlichen und intertextuellen Spitzfindigkeiten – z. B. an den DDR-Nostalgie-Artikeln in der Jugendherberge oder an der Erwähnung von Milli Vanilli – erfreuen. Und ob der Film genauso wie das Drama ausgeht, oder es vielleicht ein Happy End für Cyril gibt, kann man nur selbst herausfinden.