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Im Labyrinth des Schweigens

Deutschland 2014, ab 12 Jahren

am 23.02.2015 von AG Filmgeschichte - Geschichte im Film A. (15) aus Bad Driburg (Gastkritik), Film

Dein Gesamturteil: 9 von 10 Punkte

"Dieses Land will Zuckerguss, es will die Wahrheit nicht wissen"

Ein junger Staatsanwalt ist „Im Labyrinth des Schweigens".

Das Spielfilmdebüt von Regisseur Giulio Ricciarelli zeigt eindringlich die Befindlichkeit eines Landes im „Wirtschaftswunder“-Modus, welches auf Verdrängung und Verschweigen setzt anstatt auf Aufklärung und Aufarbeitung. Journalist Thomas Gnielka (André Szymanski) beißt im Gericht in Frankfurt auf Granit, als er einen ehemaligen Wärter des Lagers Auschwitz anzeigen will. Nur der junge Staatsanwalt Johann Radmann (Alexander Fehling) zeigt Interesse und nimmt sich des Falles an. Sieht er es zunächst lediglich als Sprung auf der Karriereleiter, so entwickelt er schnell ein echtes Interesse an „Auschwitz“. Vor allem seine Freundschaft zu Gnielka und dem gemeinsamen Freund Simon Kirsch (Johannes Krisch) treiben ihn an. Unterstützung erhält er von Generalstaatsanwalt Fritz Bauer (Gert Voss). Er begibt sich auf Spuren- und Zeugensuche zu den Ereignissen im Lager Auschwitz. Aus seiner Unwissenheit wird schnell eine Besessenheit. Telefonbücher der Republik, unzählige Akten der Alliierten werden seine Quellen ebenso wie ehemalige Insassen Radmans wichtigstes Ziel wird die Verhaftung des Lagerarztes Mengele. Bei den Ermittlungen tauchen jedoch immer mehr Probleme auf. Behinderungen durch Behörden, Mitarbeiter und offene Ablehnung treten ihm entgegen. Dieses zerrt an den Nerven des Staatsanwalts und er beginnt zu trinken. Seine Freundschaft zu Gnielka, seine Beziehung zu Marlene (Friederike Becht) und seine berufliche Überzeugung werden auf harte Proben gestellt.

Historische Spielfilme sind oft im Zwiespalt zwischen Fakten und Fiktion. „Im Labyrinth des Schweigens“ gelingt dieser schwierige Spagat fast immer. Der Film überzeugt durch eine gelungene Inszenierung und überzeugende Darstellerleistungen. Die vielschichte Figur Radmanns wird überzeugend durch Alexander Fehling dargestellt. Anfangs wirkt er jung und unerfahren, aber dennoch wissbegierig. Im Laufe der Ermittlungen steigert sich sein Selbstbewusstsein und versteift sich auf den Fall und wird selbst „betriebsblind“. Er ist anklagend gegenüber allen Deutschen, hinterfragt aber nicht seine eigene familiäre Situation. Ebenso gibt es bei den meisten anderen Figuren kein Schwarz/Weiss –Schema, jeder hat seine Schattenseiten und gerade deshalb überzeugt die Inszenierung in Gänze. Die historische Konstellation und Welt wird – neben der gelungenen Requisite besonders in den Nebendarstellern verwirklicht. Vorzimmerdame Schmittchen spiegelt die Gesellschaft der 50er Jahre wider; die Siegermächte und ihre Rolle bei der Verdängung finden sich in Major Parker wider. Hier wird die Rolle der Siegermächte allerdings nur gestreift, hier hätten wir uns eine stärkere Hervorhebung der Stellung der Siegermächte gewünscht. Auch das Grauen der Lager wird zumeist ohne große Worte, allein durch Mimik und Musik auf bedrückende Weise erfahrbar. Insgesamt eine fesselnde, überzeugend inszenierte Verfilmung des Kampfes der Staatsanwälte um Fritz Bauer gegen die Mauern des Schweigens und dem Wunsch nach Verdrängung in Nachkriegsdeutschland mit einer eindeutigen Botschaft: Auschwitz darf nicht vergessen und verdrängt werden. Niemals.

Fazit

Störenfriede in der heilen Welt des „Wirtschaftswunderlands“ Deutschlands: Der Kampf gegen Schweigen und Verdrängen des größten Verbrechens der Menschheitsgeschichte im Deutschland der 50er Jahre wird überzeugend dargestellt und spannend inszeniert. Ein wichtiger Beitrag wider das Vergessen von bedrückender Aktualität, wenn man die jüngsten antisemitischen Anschläge und neue Ermittlungen gegen KZ-Wärter zum Anlass nimmt. Diese Kritik entstand im Rahmen der SchulKinoWochen NRW 2015.